Virtueller Stadtspaziergang

Virtueller Stadtspaziergang mit Werner Hanker

Echte Entdeckungstour zu Geschichte und Geschichten

Weikersheim Die ehemalige gräfliche Residenz birgt so manche bauliche und historische Perle. Nicht jede ist auf Anhieb zu entdecken, und nicht alle Geschichten, die man sich im Tauberstädtchen über die Historie des Ortes zuraunt, sind belegbar.

     Einer, der sich auskennt, ist Werner Hanker, langjähriger leitender Verwaltungsmitarbeiter, Hobbyhistoriker und Autor des anlässlich der 600jährigen Weikersheimer Kärwe-Geschichte neu aufgelegten Bildbandes „Weikersheim: Erinnerungen, Postkarten, Photographien, Zeichnungen“. 

     Eigentlich war es schon etwas mehr als einfach eine Einladung zum Vortrag, die Birgit Bulenda, Vorsitzende des Vereins Tauberfränkische Volkskultur, Hanker mehrfach antrug. Denn der Verein hat sich nicht nur die ehrenamtliche Erhaltung und Betreuung des Tauberländer Dorfmuseums verschrieben, das heuer sein 50jähriges Jubiläum begeht, sondern auch der Vermittlung von Wissen über die Geschichte und Traditionen des Ortes.

     Dass das Interesse am „Virtuellen Stadtspaziergang mit Werner Hanker“ groß sein würde, hatte der Verein erwartet und sich für den Abend vorsichtshalber den Sitzungssaal des Rathauses gesichert. Sichtlich Spaß machte es Hanker, die gut 50 interessierten Besucher an seiner ehemaligen Wirkungsstätte  mitzunehmen auf eine bilderreiche Führung durch die Stadt und ihre von Volk, Schloss und Kirche geprägte Geschichte.

     Schon der Marktplatz – heute die zwischen Schloss und Kirche gelegene, von repräsentativen Bauten eingefasste gute Stube der Stadt – bietet Raum für Berichte: Nein, der Platz war nicht immer Marktplatz, auch wenn der ab 1582 errichtete Kornbau, der heute das Dorfmuseum mit der größten Sammlung ländlichen Kulturguts in Tauberfranken beherbergt, das nahe legen könnte.

     Reges Markttreiben herrschte in alter Zeit dagegen in der heutigen Hauptstraße zwischen Gänsturm und Rosenbrunnen, denn im Mittelalter drängte sich zwischen Kirche und Schloss dichte Bebauung, wie alte Zeichnungen belegen. Es muss ein fürchterlicher Großbrand gewesen sein, der das Areal in Schutt und Asche legte. Nur die 1419 von Conrad von Weinsberg und seiner Gemahlin Anna, einer geborenen Gräfin von Hohenlohe-Weikersheim, gestiftete steinerne Kirche überstand das Inferno.

     Die birgt bis heute mit dem Grabmal des „Weikersheimer Prinzle“ eins der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Kinderepitaphe. Das Kleinod bot über die Jahrhunderte für manch deutende Erzählung Anlass. So solle der nur sechs Jahre alt gewordene kleine Herzog Heinz von Sachsen-Lauenburg – den Titel erbte er als Fünfjähriger – 1437 bei einem schrecklichen Unfall an der Kurve beim Gasthaus Krone aus einer  zu schnellen Kutsche gefallen und dabei tödlich verletzt worden sein. Stimmt nicht, weiß Hanker: Es waren die Blattern, die das Kind dahinrafften. Die Pocken also, kein Unfall. Den Verlust des Enkels des Stifterpaars dürften die Eltern und wohl auch ganz Weikersheim nicht wenige betrauert haben.

 

     Ob man darüber auch beim „Satteltrunk“ debattierte? Dieser hoch zu Roß genießbare Willkommenstrunk, gereicht von der Kronentrepppe, geht zumindest mittelbar auf den Grafen Carl Ludwig zurück. Der hatte die Schank- und Bräustätte 1732 erbauen lassen – dem Grafen zu Ehren, dem Volke zum Nutzen. Am schräg gegenüber gelegenen Rosenbrunnen – einst wohl „Rossbrunnen“, schätzt Hanker – konnten dann auch die Reittiere zu ihrem Recht kommen.

     Zu Pferd unterwegs und wohl wirklich etwas zu eilig war allerdings wohl der Weikersheimer Erbprinz Albrecht Ludwig Friedrich. Der einzige Sohn des Grafen Carl Ludwig und seiner Gattin Elisabeth Friederike Sophie starb mit nur 28 Jahren 1744  an den Folgen eines Reitunfalls. Ohne den Erben verwaiste mit dem Tod seiner Eltern knapp anderthalb Jahrzehnte nach dem Unfall des Erbprinzen die Residenz.

     Unter dem Eindruck ihres Verlustes ließen Carl Ludwig und Elisabeth trotz nicht gerade bester Vermögensverhältnisse 1745 das Spital erbauen. „Wenn ich meinem Sohn nicht mehr helfen kann, dann dem Volk“, zitierte Hanker den Grafen, der das Spital nicht als Kranken-, sondern als Alten- und Armenheim errichten ließ. 200 Jahre später, so Hanker weiter, wurde das Spital dann tatsächlich als Hospital genutzt: 1945 diente das alte Spital als Militärlazarett für verwundete amerikanische Soldaten.

     Ob nun sie oder eventuell die Damen der Gesellschaft es waren, die sich im so genannten „Englischen Bad“ an der Tauber erquickten, sei nicht mehr feststellbar, erläuterte Hanker. Heute weiß kaum noch jemand um den Begriff. Genutzt wird das idyllische, unterhalb des neuen Holzstegs beim Obstgarten des Schlosses gelegene Tauberfleckchen immer noch gern – heute allerdings häufig von Vierbeinern, die ihre Besitzer nach dem Bad gern an der Erfrischung teilhaben lassen…

     Manch rares Wissen teilte Hanker mit den Gästen: Wer wusste wohl von den Wallfahrerscharen, die Weikersheim einst angezogen haben soll? Auf einem kleinen Hügel im Heiligen Wöhr zwischen Tauber, Vorbach und Mühlkanal stand – alte Zeichnungen belegen das – einst ein Kapellchen. Dort, so besagen es überlieferte Gerüchte, solle es eine wundertätige Reliquie mit dem Blut Christi gegeben haben. Hanker suchte erfolglos Belege: „Schöne Geschichte ohne Grundlage“ lautet sein Fazit.

     Grundlagen geschaffen hat dagegen der „Hofjude“ Lämmle Seligmann, einerseits als Hoffaktor und erfolgreicher Bankier des Grafen Carl  Ludwig, andererseits als engagierter Vertreter der jüdischen Gemeinde. Seligmann war es, der sich für die Anlage des jüdischen Friedhofs über Weikersheim stark machte, auf dem er selbst im Sommer 1742 beigesetzt wurde. Zuvor musste die jüdische Gemeinde ihre Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Unterbalbach beerdigen, was die Leichenzüge zwang, gegen Zollzahlung Deutschordensgebiet zu durchqueren. Immer wieder finden sich Erinnerungssteine auf dem ihm gewidmeten Grabstein 220 – und immer wieder trifft man versunkene Betrachter vor der ihm gewidmeten Statue in der Figurengalerie überm ehemaligen Wassergraben des Schlosses.

     Fakten, Geschichten und Bilder: Hankers Vortrag war eine Einladung, auch Altbekanntes neu zu erkunden. Gern hätten die Besucher noch mehr gehört und gesehen – und hoffen jetzt auf weitere, dann vielleicht auch echte Stadtspaziergänge mit dem Weikersheim-Kenner.

Bild(©Inge Braune):

Kenntnisreich, hoch interessant und kurzweilig: Der „virtuelle Stadtspaziergang“ mit Werner Hanker.