{"id":138,"date":"2023-02-13T10:48:54","date_gmt":"2023-02-13T10:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/?p=138"},"modified":"2023-02-13T10:55:05","modified_gmt":"2023-02-13T10:55:05","slug":"tauberfraenkische-volkskultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/?p=138","title":{"rendered":"Tauberfr\u00e4nkische Volkskultur"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eGevatter Tod stets nebenan\u201c &#8211; Vortrag zu Hygiene auf dem Land<\/h3>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Helmut Fehler erm\u00f6glichte spannenden R\u00fcckblick auf die Entwicklung<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Weikersheim<\/strong> \u201eHygieia\u201c nannten die alten Griechen die G\u00f6ttin der Gesundheit. Die \u00c4skulap-Tochter \u2013 Griechen und R\u00f6mer verehrten Asklepios als Gott der Heilkunst, und sein von einer Schlange umwundener Stab dient bis heute weltweit als&nbsp; Mediziner- und Apotheker-Symbol &#8211; wurde&nbsp; zur Namensgeberin der der Gesundheit dienenden K\u00fcnste. Die waren zwar in den alten Hochkulturen verbreitet, im teilweise doch sehr d\u00fcsteren Mittelalter zumindest jenseits von Klostermauern vielfach vergessen. Und auf dem Land, wo Mensch und Tier nicht nur unter einem Dach, sondern zumindest in der kalten Jahreszeit oft genug sogar in einer einzigen Stube hausten, wo der Misthaufen oft genug auch zur Erledigung menschlicher Bed\u00fcrfnisse diente, kaum auf einen Sicherheitsabstand zwischen Sicker- und Brunnenwasser geachtet werden konnte, hatten Ungeziefer, Bakterien, Viren leichtes Spiel. Seuchen \u2013 sie galten als Strafe Gottes \u2013 forderten immer wieder zahllose Opfer, noch bis nach der Wende zum 20. Jahrhundert mussten sich Familien damit abfinden, dass nur ein Viertel ihrer Nachkommen \u00fcberhaupt das Erwachsenenalter erreichten.  \u201eGevatter Tod in Form gef\u00e4hrlicher Krankheiten war st\u00e4ndig anwesend,\u201c berichtete Helmut Fehler in seinem gut recherchierten und spannenden Vortrag zur \u201eHygiene auf dem Land\u201c. Der Einladung des Vereins \u201eTauberfr\u00e4nkische Volkskultur\u201c zu diesem Wintervortrag im \u201eUhu-Treff\u201c waren rund 30 Interessierte gefolgt \u2013 und w\u00e4hrend des \u00fcber einst\u00fcndigen Vortrags hatte offensichtlich niemand das Bed\u00fcrfnis, auch nur einen kurzen Blick auf die Uhr zu werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dabei hatte sich Fehler zur Vorbereitung des Themas unter anderem auf zumindest beim ersten Blick&nbsp; eher trockene Literatur gest\u00fctzt: die \u201ePhysikatsberichte\u201c der bayerischen Bezirksbeh\u00f6rden in Unterfranken. Es waren Beamte, zumindest teilweise vom Fach, die die im Auftrag und zur Berichterstattung an die Obrigkeit die Wohn- und Hygieneverh\u00e4ltnisse \u00fcberpr\u00fcften.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; So berichtete ein Beamter anno 1856 \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse im damals noch kleinen St\u00e4dtchen Br\u00fcckenau, dass die H\u00e4user weder gereinigt noch gel\u00fcftet w\u00fcrden, ru\u00dfende Talglichter und Tabaksqualm gemeinsam mit den Ausd\u00fcnstungen des Federviehs&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; die Luft in den Wohnst\u00e4tten regelrecht verpesteten \u2013 und dass \u201edie Neigung zum Baden selbst bei den am Main wohnenden sehr gering\u201c sei. Trockene Berichte? Wohl kaum: den Anwesenden liefen regelrecht Schauer \u00fcber den R\u00fccken.&nbsp; Erst ab 1859, so Fehler, musste G\u00fclle \u00fcberhaupt aufgefangen werden, noch drei Jahre zuvor verf\u00fcgten nur 15 Prozent der H\u00f6fe \u00fcber ein WC. \u00dcblich war das Plumsklo im H\u00e4uschen, von Badezimmern \u2013 oft gab\u2018s nur die Wanne in der K\u00fcche \u2013 konnte man damals nur tr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Schlafkammern f\u00fcr Knechte und M\u00e4gde karg ausgestattet waren, ist weithin bekannt. Dass sie oft gleich beim Stall oder auf der Tenne, direkt unterm mitnichten ged\u00e4mmten Dach, wo auch Getreide- und R\u00e4ucherfleischvorr\u00e4te verwahrt wurden, lagen, l\u00e4sst heute erschauern.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Nicht minder grausig ist die Vorstellung feucht verstockter Strohs\u00e4cke, Schimmel und Salpeterbl\u00fcte an den W\u00e4nden, die Keuchhusten und Tuberkulose ebenso Vorschub leisteten wie Bettwanzen, L\u00e4usen, Fl\u00f6hen, M\u00e4usen und Ratten.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Wo das Brot karg ist und der Tierbestand das \u00dcberleben sichert, k\u00fcmmert man sich zun\u00e4chst um die Sicherung von Vieh und Ernte, weniger um die eigene Befindlichkeit: \u201eNicht selten wandernden Abtritten\u201c sollen die F\u00fc\u00dfe der Menschen oft geglichen haben, so ein von Fehler zitierter Physikatsbericht.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; In der Region, so der Referent, nutzte der aus Herbsthausen stammende Pfarrer Johann Friedrich Maier bereits in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts seine Kupferzeller Kanzel, um den Bauern den Nutzen von Hygiene im Stall und an den Tieren nahe zu bringen. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; F\u00fcr die Zweibeiner war lange eine nicht unbetr\u00e4chtliche Schmutzschicht normal: In gr\u00f6\u00dferen Gemeinden betrieben Bader, die auch kleinere Verletzungen versorgten und Artikel f\u00fcr die Monatshygiene anboten, \u00f6ffentliche B\u00e4der. Dass der Beruf des Baders in Deutschland tats\u00e4chlich&nbsp; bis 1950 zu den Lehrberufen geh\u00f6rte, h\u00e4tte wohl kaum jemand gewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Fehler ging auf die Entwicklung von Hygienevorschriften, die Bauentwicklung und die der medizinischen Forschung ebenso ein wie auf die Geschichte der W\u00e4schepflege, die vor einigen Jahren der Verein Tauberfr\u00e4nkische Volkskultur beim \u201eWaschtags\u201c-Dorfmuseumsfest auf dem Marktplatz anschaulich dargestellt&nbsp; hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u00dcberhaupt: Das Dorfmuseum. Ab dem 1. April, wenn der Kornbau am Marktplatz wieder regelm\u00e4\u00dfig an den Wochenenden seine Pforten \u00f6ffnet, ist im Tauberl\u00e4nder Dorfmuseum so manches zu bestaunen, was Fehler in seinem Vortrag, der sich auf die Entwicklungen in dem auf 1850 folgenden Jahrhundert konzentrierte, zur Sprache brachte. Ob Nachtstuhl, Badezuber oder Waschkessel, ob Strohsack oder die meist auch als Nachtw\u00e4sche getragenen Arbeitshemden, ob das Gatter f\u00fcrs Jungfedervieh unterm Backtrog: All das zeigt anschaulich, dass die oft beschworene und eigentlich noch gar nicht so lange zur\u00fcckliegende \u201egute alte Zeit\u201c oft alles andere als gut war.<\/p>\n\n\n\n<p> \u201eErst die Mechanisierung ab 1950 erm\u00f6glichte den sozialen Fortschritt und den Wohlstand von heute\u201c, so Helmut Fehler abschlie\u00dfend. Und auch der heutige Wohlstand habe seine deutlichen Schattenseiten: man denke nur an die den verschwenderischen Umgang mit Erdressourcen oder Verschmutzung der Umwelt, die selbst vor Arktis und Antarktis nicht Halt macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Artikel Inge Braune, ver\u00f6ffentlicht in den Fr\u00e4nkischen Nachrichten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGevatter Tod stets nebenan\u201c &#8211; Vortrag zu Hygiene auf dem Land Helmut Fehler erm\u00f6glichte spannenden R\u00fcckblick auf die Entwicklung Weikersheim \u201eHygieia\u201c nannten die alten Griechen die G\u00f6ttin der Gesundheit. Die &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":140,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/138"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=138"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/138\/revisions\/139"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tauberlaender-dorfmuseum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}