Auf den Spuren von Parzival

Exkursion in die Minnesänger-Stadt Wolframs-Eschenbach

 

Abgelegen von den großen Verkehrsachsen der Moderne präsentierte sich die Geburtsstadt des Epikers und Minnesängers Wolfram von Eschenbach von ihrer besten Seite. Die Reisegruppe des Vereins Tauberfränkische Volkskultur hatte sich dieses Jahr dem Thema Mittelalter gewidmet um die kulturellen Aspekte des 12./13. Jh. näher kennenzulernen. Bevor man sich Wolframs Werk “Parzival” zuwendete – frei interpretiert im Jahr 1993 von dem Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg – wurde man durch eine Führung mit tausend Jahren Stadtgeschichte auf das Hauptwerk des Epikers eingestimmt.

“Wolfram lebt nur durch sein schriftliches Erbe”, so der Stadtführer Oskar Geidner, “weil wenig über sein Leben bekannt ist”. Der Dichter hat neben einigen Epen auch lyrische Werke, darunter mehr als hundert Minnelieder, der Nachwelt hinterlassen. Als sicher gilt, dass er um 1160 bis 1180 in Eschenbach geboren wurde und in dem Wertheimer Grafen Poppo sowie im Landgrafen Hermann von Thüringen einen Förderer gefunden hat. Während seiner Hauptschaffenszeit um 1200-1220 n. Chr. dürfte er sich an verschiedenen Fürstenhöfen aufgehalten haben. Der Tod wird auf die Zeit nach 1220 datiert.

Seine Geburtsstadt Eschenbach ist heute noch innerhalb der mittelalterlichen Stadtbefestigung deutlich als Deutschordensstadt erkennbar. In ihr zeigt sich der ganze Reiz der Renaissance-Architektur: prächtige Patrizierhäuser, mächtige Herbergen und Wirtschaften, dominiert von der Ordens-Vogtei, dem Liebfrauenmünster und dessen Turm  – der mit weithin sichtbaren, farbig eingedeckten Dach – vom zeitweisen Reichtum der Stadt kündet. Die sehr profunden Ausführungen von O. Geidner, die wichtiges mit scheinbar banalem verbanden, ließen das Alltagsleben einer Stadt an der Handelsstraße Nürnberg-Straßburg wieder vor dem geistigen Auge erstehen. Ob Ausbau der Stadtbefestigung, Konflikte mit der protestantischen Markgrafschaft Ansbach oder die schlimmen Zeiten des 30-jährigen Krieges und der dann folgenden Hexenprozesse – der Stadtspaziergang gab das Thema vor. Nach einer Pause konzentrierte man sich auf das Wolfram-Museum, welches mit Symbolen und Metaphern aufwartete, um das Epos und die Lieder ihres berühmten Sohnes aufzubereiten und für den Menschen der Gegenwart verständlich zu machen. Der Roman über den Roten Ritter Parzival geht dabei weit über die Abenteuer eines Ritters zur Zeit der Kreuzzüge hinaus. So wird die Grundhaltung seines Autors sichtbar, der nicht nur dem Kampf, sondern auch dessen Vermeidung das Wort redete und die Einhaltung humaner Regeln zum Gegenstand machte. So sah Wolfram im muslimischen Kämpfer einen Gegner, aber keinen Feind, weil dieser ebenfalls eine Schöpfung Gottes sei und den gleichen Anspruch auf eine Menschenwürde habe. Der Versroman gilt als eines der bedeutendsten Werke des Mittelalters; in ihm wird die Sage des heiligen Grals mit der Artus-Sage verwoben. Trotz der wenigen Quellen und großen Lücken in der Vita des Epikers und Troubadours erschloss sich der Gruppe ein Bild kultureller Bildung und Vortragskunst im Mittelalter, das Lust auf mehr machte. Eine gemeinsame Vesper mit regen Diskussionen schloss die Exkursion ab, die von Helmut Fehler organisiert wurde.

Bericht: Helmut Fehler, Fotos: R. Pickrahn
TVK