Von der Sichel zum Mähdrescher – Sammlung Hans Hachtel

Von der Sichel zum Mähdrescher – Sammlung Hans Hachtel

Es sind Agrarrevolutionen, von denen Hans Hachtel schwärmt: Schon die Erfindung der Sichel in der Bronzezeit war eine solche Revolution. Fast von Anfang an war die Erfindung so beschaffen, dass selbst ein Laie, der in der vor- und frühgeschichtlichen Staatssammlung in München vor den bronzezeitlichen Sicheln steht, auf Anhieb erkennt, worum es sich handelt.

„Dumm waren sie nicht, unsere Vorfahren,“ sagt Hachtel anerkennend. Im Weikersheimer Dorfmuseum steht er sinnierend vor Sicheln, die Hans Meider, Initiator und Gründer des Tauberländer Dorfmuseums und der Mann, der Hachtel für die Heimatgeschichte begeisterte und darüber zum Freund wurde, zusammengetragen hat. Von Meider hat der aus Bronn stammende Landwirtssohn viel über die Geschichte der Landwirtschaft erfahren.

Jahrgang 1937 ist er, wuchs auf mit zwei älteren Brüdern und einer jüngeren Schwester. Zwanzig Hektar vielleicht habe der Hof gehabt. „Damals hat das gereicht, heute wär‘ das unmöglich,“ sinniert er. In Honsbronn ging er zur Schule, alle acht Klassen wurden damals noch in einem Raum unterrichtet. Gute Erinnerungen hat er an die Zeit, zumal sich die Lehrer gut hineinfanden ins Dorfleben, den bäuerlichen Lebensrythmus und die Denkweise der Menschen zwischen Wald und Flur.

14 Jahre alt war Hachtel am ersten Lehrtag. Um halb sieben musste man da sein, oft lag auch für den Lehrling noch weit über 19 Uhr hinaus Arbeit an, samstags – und das war schon Luxus – war um 17 Uhr Feierabend. Von der Pike auf lernte er in Weikersheim sein Handwerk bei dem Landmaschinenhersteller, und zwei Jahre lang war er im Weikersheimer Umland der Mann für den Lohndrusch. So lernte er nicht nur die Mähdrescher, sondern auch die Bauern bestens kennen – und wusste um manch alten Gerätebestand in Bauernscheunen.

Das kam dem begeisterten Volkskundler und Sammler Kurt Meider gerade recht: Der arbeitete seit Mitte der 60er Jahre intensiv und gemeinsam mit dem „Verein der Freunde des Tauberländer Dorfmuseums“ darauf hin, das angesichts der einziehenden Moderne akut bedrohte alte landwirtschaftliche Kulturgut zu retten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als Hans Hachtel dann 1968 gemeinsam mit seiner Frau nach Weikersheim zog, infizierte ihn Meider schnell mit dem Sammel- und Fragevirus.

Hachtel spezialisierte sich auf die Entwicklung der Landmaschinen. Prospekte, Zeichnungen, Kataloge, Bücher, Werbetafeln, Textausrisse aus Fachzeitschriften, Inserate und, und, und sammelte er auf eigene Faust. Wenn es um wesentliche Entwicklungsschritte geht, macht Hachtel keiner so schnell Konkurrenz. 1831 erfand der 1809 geborene Cyrus Hall McCormic, Farmersohn aus Virginia, den ersten Getreidemäher – Hachtel versorgt interessierte Zuhörer mit reichlich Detailwissen bis hin zu Verkaufszahlen: Bereits um 1880 wurde der 50.000ste McCormic-Mäher verkauft. Die erste selbstfahrende Erntemaschine wurde 1909 in Washington vorgestellt. Der „Holt“ barg Risiken, denn die Kombination aus Holzgestell und Dampfantrieb ging recht leicht in Flammen auf. Stolz präsentiert Hachtel einen Verkaufsprospekt, mit dem bereits 1898 für „complete Dreschsätze auf der Basis von Spiritus-Lokomobilen“ geworben wurde.

In Deutschland, weiß Hachtel, ging der erste, 1930 von den Deutschen Industriewerken erfundene Versuchsmähdrescher gar nicht erst in Serie – vielleicht auch, weil er noch auf eine Zugmaschine angewiesen war. Erst nach dem zweiten Weltkrieg konnten sich deutsche Entwickler ernsthaft einen Namen machen: Den Glaas-Drescher mit einer Schnittbreite von über zweieinhalb Metern, Anfang der 60er Jahre das Top-Modell unter den Mähdreschern, hat Hachtel mit großer Begeisterung selbst gefahren.

Wenn er darüber berichtet, leuchten seine Augen. Klar, denkt man, eigene Erfahrung. Aber genauso begeistert berichtet er von früheren Landwirtschaftsrevolutionen: „Mit dem ‚Haberrechen‘, einer Gestellsense, konnten fünf Mann am Tag so viel Getreide ernten wie zuvor mit der Sichel 20 Mann.“

Etliche seiner Sammelstücke macht Hans Hachtel ab dem 13. September im Tauberländer Dorfmuseum im Rahmen einer kleinen, die Exponate ergänzenden Sonderausstellung der Öffentlichkeit zugänglich. Es dürfte ein besonderes Erlebnis sein, die zum großen Teil gerahmten Originale und Reproduktionen alter Zeichnungen und Kopien aus längst nicht mehr greifbaren Publikationen zu betrachten – zumal in dieser Nachbarschaft. Hachtels Sammlung wird in unmittelbarer Nähe der von Kurt Meider und dem Verein Tauberfränkische Volkskultur e.V. gesammelten Original-Werkzeugen im 2. Stock des Dorfmuseums präsentiert.

Nachdem Meider Hans Hachtel einmal mit seiner Leidenschaft für die regionale Geschichte angesteckt hatte, unterstütze der ihn gemeinsam mit seiner Frau hoch engagiert unter anderem bei der Einrichtung des seit einigen Jahren geschlossenen Forstmuseums auf dem Karlsberg, an das sich nicht nur viele Weikersheimer mit Wehmut erinnern dürften. Der Karlsberg lockte das Ehepaar nicht nur während der Arbeits- und Aufsichtseinsätze im Forstmuseum, sondern auch zu Spaziergängen. Dabei entdeckten sie zwischen dem ehemaligen Kutscherbau und dem einstigen Stallgebäude ein paar seltsame Scherben. Meider-geschult stocherten sie mit bloßen Händen und ein paar aufgehobenen Ästen weiter zwischen den alten Fundamentresten herum und entdeckten etliche weitere Scherben. Familie Hachtel bescherte das einen Puzzle-Sommer, denn als sie zuhause die seltsamen Bruchstücke vorsichtig mit Wasser reinigten, lagen auf dem Küchentisch blau getönte Fayence-Relikte. Wie viele Stunden sie über den Scherben verbrachten? Hachtel weiß es nicht mehr. Viele. Stolz waren sie, dass ihre Fundstücke später in einer Forstmuseums-Vitrine einen Ehrenplatz fanden. Inzwischen ruhen die Stücke im Fundus des Weikersheimer Schlosses.

Hachtel gehörte auch mit zum Arbeitsteam, das unter der Regie von Helmuth Zebhauser die Umgestaltung der Dachgeschoss-Ausstellung zu Weinbau und Handwerk umsetzte. Bis heute denkt er bewundernd an Meider und Zebhauser zurück, denen es gelang, Unterstützer für ihre Visionen zu gewinnen und die Helfer so für die Sache zu begeistern, dass die Teams zu verschworenen Gemeinschaften wurden. Die kleine Sonderausstellung im Dorfmuseum ist auch eine nachgereichte Verbeugung vor ihrer Leistung.

Besuchen Sie die Ausstellung

1. April bis 31. Oktober
Samstag, Sonntag und an Feiertagen
jeweils  13.30 bis 17.00 Uhr

Sondervereinbarung für Gruppen

Eintrittspreise:
Erwachsene  2,50 €
Ermäßigt  2,00 €